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Geschichte der Familientagung in Bad Segeberg

von Marion Thies

Zu Beginn des Jahres 1979 fand in der Evangelischen Akademie Bad Segeberg in Zusammenarbeit mit terre des hommes ein Wochenendtreffen für Adoptiveltern mit ausländischen Kindern statt. Diese Zusammenkunft war bisher einmalig in der Bundesrepublik. Erstaunlich war die große Resonanz auf diese Einladung, weit über 100 Personen nahmen an der Tagung teil. Viele von uns übernachteten in Wohnwagen und Wohnmobilen, um überhaupt an diesem Wochenende dabei sein zu können.
Ein Fernsehteam begleitete die Tagung während des gesamten Wochenendes. Während die Kinder gut betreut wurden, diskutierten wir Eltern über die besondere Situation unserer Familien und waren überrascht, wie viel Fremdenfeindlichkeit noch in unserem Land herrschte. Dieses Thema begleitete in irgendeiner Form immer wieder die folgenden Tagungen. Hatten wir Eltern doch die Adoption der Kinder unter anderem auch deshalb gewagt, weil wir in dem Glauben waren, die Menschen in diesem Land wären toleranter geworden und genau so neugierig auf ein Zusammenleben mit andersfarbigen Kindern wie wir.
In den schwierigen Zeiten, als Häuser von ausländischen Mitbürgern angezündet wurden und brannten, waren es die Eltern dieser Tagung, die sich gegenseitig Mut zusprachen und Halt gaben, um mit den Ängsten fertig zu werden. Diese Treffen haben auch unsere Kinder und Heranwachsende stark gemacht.
Wo sollten wir Eltern und unsere Adoptivkinder besser die Motivation für die von Politikern und Kirchenämtern geforderte Zivilcourage lernen, als an diesem Ort, der ihnen so vertraut war und ihnen Zusammenhalt gab.
Die Erfahrung der jungen erwachsenen Adoptierten zeigt sehr deutlich, dass Rassismus in Deutschland immer noch ein aktuelles Thema ist.

Seit 1979 findet diese Tagung jedes Jahr ein Mal statt, über Himmelfahrt treffen sich Eltern und Kinder vier Tage lang. Wir haben in Workshops Erfahrungen ausgetauscht, uns die Köpfe heiß diskutiert, getanzt, gestritten und gelacht. Wir haben in der Kapelle eine Hochzeit gefeiert und zwei Kinder getauft. Für viele von uns ist diese Tagung ein fester Bestandteil unseres Lebens geworden. Nach Aussagen unserer Adoptivkinder „ein nach Hause kommen, ein Highlight des Jahres, eine wichtige Familienangelegenheit“.
Sie empfinden sich wie eine große Familie, in der jeder Einzelne für den Anderen einsteht. Hier findet ein Zusammensein statt, bei dem ausländische Adoptivkinder nichts besonderes sind. Es ist ein Zusammensein mit Besonderer Herzlichkeit. Immer noch ist diese Tagung lange im Voraus ausgebucht.
Die Akademie gibt es nicht mehr, unseren Kindern ist ein Stück Heimat verloren gegangen. Wir sind für sie und für uns Eltern auf der Suche nach einem neuen Platz. Dafür brauchen wir Unterstützung, auch finanzieller Art, damit uns allen dieser Zusammenhalt, den diese Tagung uns bisher gab, erhalten bleibt.