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Adoptivkinder aus anderen Ländern arbeiten in Bad Segeberg Ihre Probleme auf

(Lübecker Nachrichten 25.06.2004)

Von Heike Hiltrop
BAD SEGEBERG -Fröhliches Kinderlachen dringt durch die Räume von C.H.A.I.M. (Internationales Zentrum für Trauer, Kultur und Begegnung), der ehemaligen Evangelischen Akademie (Evak) an der Marienstraße. Da tobt die dreijährige Lea, geboren in den USA, mit dem gleichaltrigen Lui, der aus Thailand stammt, und Yul (4), der in Südkorea zur Welt gekommen ist, durch die Gänge. Eines verbindet die drei ausgelassenen Dreikäsehochs: Sie wurden adoptiert - wie die anderen 57 Kinder, die mit ihren Adoptiveltern gekommen sind, um das Wochenende vor Pfingsten gemeinsam zu verbringen.

Lui & Sanne Die Kinder kommen aus der ganzen Welt. Sie wurden in Äthiopien, Bulgarien, Haiti, Indien, Polen, Russland, Sri Lanka oder Südkorea zur Welt gebracht und fanden in Deutschland Eltern und Familie. Ein im wahrsten Sinne des Wortes bunt zusammengewürfelter Haufen. „Hier sind wir alle gleich", freut sich der 13-jährige Diego, der als wenige Monate altes Baby aus Brasilien nach Bremen kam. „Ja", stimmt ihm sein Freund Marvin zu, der als Einjähriger neue Eltern fand, und wuschelt durch seine blond gefärbte Lockenmähne: „Hier sieht dich keiner schräg an, weil du eine andere Hautfarbe hast oder andere Haare." Seit sich die zwei vor einigen Jahren in Bad Segeberg kennen gelernt haben, sind sie dicke Freunde.
„ Die Gründe, warum sich potenzielle Eltern für ein Kind aus dem Ausland entscheiden, sind ganz unterschiedlich", sagt Sonya Kraus, die nicht nur C.H.A.I.M. aus der Taufe gehoben hat, sondern auch im Vorstand des neu gegründeten Vereins „Adoptiveltern mit Kindern aus aller Welt" arbeitet (siehe nebenstehenden Text).
Schon seit 25 Jahren treffen sich einmal im Jahr Eltern mit ihren aus dem Ausland kommenden Adoptivkindern in Bad Segeberg. Bis zum vergangenen Jahr unter dem Dach der evangelischen Kirche. Hier wird über Probleme gesprochen, Hilfestellung gegeben, man verbringt gemeinsam ein paar schöne Tage. Denn es ist nicht immer leicht, wenn das Kind offensichtlich aus dem Ausland kommt, wie das Beispiel von Diego zeigt: „Ich habe mich oft geprügelt, wenn mich einer wegen meines Aussehens aufgezogen hat. Und ich war schlecht in der Schule." Hier bei der Tagung ist der 13-jährige unter Gleichen. Das zeigt: Die Veranstaltung ist wichtig. „Hier können Eltern und Kinder ihre Erlebnisse austauschen", so die 33-jährige Sonya Kraus. „Außerdem wird den Kindern die Kultur ihrer Geburtsländer näher gebracht." „Sich mit dem anders Aussehen auseinandersetzen, mit der eigenen Identität. Jeder von uns fragt sich irgendwann im Leben: Woher komme ich eigentlich?", ergänzt Dr. Andreas Körtgen.

Sakuth Etwa 360 Euro pro Teilnehmer kostet die Tagung. Noch im letzen Jahr gab es pro Kopf Zuschüsse. Zu einem Drittel übernahm die Kirche die Kosten, dazu kam, von der Kirche beantragt, ein Drittel aus dem Topf des Bundesjugendplanes. Doch nachdem die Nordelbische Kirche die Evak aus Kostengründen abgestoßen hat, sind ab dem nächsten Jahr auch die Mittel gestrichen. Um sich zu finanzieren, haben die Teilnehmer der Tagung den neuen Verein (seit vergangenem Freitag hat er 40 Mitglieder) gegründet. Mit 60 Euro Jahresbeitrag und jetzt schon einigen Spenden ist der Grundstock gelegt, damit auch in Zukunft dieses jährliche Treffen stattfinden kann.


Reden, feiern und mal richtig auftanken

Seegeberger Zeitung vom 26.05.2004

Bild Bad Seegeberger ZeitungBad Segeberg. In einer Schwangerschaft haben Eltern neun Monate Zeit, sich auf ihr Kind vorzubereiten Adoptiveltern haben diese Möglichzeit nicht. Besonders Paare, die sich entschlossen haben, Kinder aus anderen Ländern zu adoptieren, haben feie Fragen, wie das Zusammenleben mit den neuen Familienmitgliedern klappt. Deshalb organisierten Familien vor 25 Jahren zum ersten Mal ein Treffen von Gleichgesinnten unter lern Motto „Tagung von Familien mit. fremdländischen Kindern" in Bad Segeberg. Seither ist das Himmelfahrtswochenende der traditionelle Termin für Eltern und Kinder für einen persönlichen und fachlichen Austausch.
Rund 120 Teilnehmer waren in diesem Jahr dabei. „Es ist ein Gefühl wie in einer großen Familie", sagt Vorstandsmitglied Peter von Seherr-Thoss, „Doch durch die professionelle Hilfe geht dieses Treffen weit über private Gespräche hinaus."
Die Evangelische Akademie in Bad Segeberg war für Adoptiveltern aus dem gesamten Bundesgebiet zu einem wichtigen Platz geworden, der mit vielen Familiengeschichten unmittelbar verbunden ist. „Hier sind Kinder getauft worden, und auch eine Hochzeit wurde gefeiert", berichtet Marion Thies, die von Anfang an bei den Tagungen dabei ist. Doch durch die Schließung der Akademie ist das Weiterbestehen des regelmäßigen Treffens gefährdet. „Die Tagung in 2004 kostet rund 30000 Euro schildert von Seherr-Thoss. „Davon zahlen die Teilnehmer etwa ein Drittel - ein Ehepaar mit zwei kleinen Kindern zum Beispiel 435 Euro für die vier Tage.' Ein weiteres Drittel wurde bisher von der Kirche getragen, und der Rest finanzierte sich aus Bundesmitteln des Kinder- und Jugendhilfeplans. „Demnächst fallen diese beiden Fördermittel weg, und deshalb suchen wir dringend nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten", erläutert Evelin Rancka, auch seit 25 .Jahren dabei.
Zwar können die Räume der Akademie weiter genutzt werden, denn die neuen Besitzer, das ,.Internationale Zentrum für Trauer, Kultur und Begegnung, C.H A.I.M" ist als Tagungszentrum offen für Gäste. Doch aus eigenen Mitteln allein können die Familien die Tagung nicht organisieren „Wir haben deshalb den Verein Adoptivfamilien mit Kindern aus aller Welt e.V. gegründet`', berichtet von Seherr-Thoss. .Ziel des Vereins ist die finanzielle Absicherung dieses wichtigen Forums für Adoptiveltern " Evelin Rancka betont die unterstützende Funktion des regelmäßigen Austausches: „Wenn der Bauch in der Schwangerschaft wächst, nimmt die Umwelt das wahr - eine Adoption macht man allein, deshalb sind die Gleichgesinnten so wichtig, mit denen man alles besprechen kann."
Die besondere Situation der fremdländischen Kinder spielt dabei eine weitere Rolle. Ihre kulturelle Herkunft und die Wurzeln zu ihrem Geburtsland sollen nicht verdrängt, sondern in die neue Familie integriert , werden. Die Jungen und Mädchen kommen selten als kleine Säuglinge in ihre neue Familie. „Mindestens vier bis fünf Monate ist ein Kind, wenn es offiziell adoptiert wird", schildert Marion Thies. Die Diplom-Psychologin erklärt,
dass Auslandsadoptionen heutzutage sehr gut überwacht sind. „Wenn jemand auf dem Flughafen mit einem nur wenige Tage alten Baby aus der Dritten Welt ankommt, ist das fast immer illegal", sagt sie. Alle adoptionswilligen Paare werden von den deutschen Jugendämtern auf ihre Eignung hin überprüft. Durch die Zusammenarbeit mit den Auslandsvermittlungsstellen wird die Adoption eines fremdländischen Kindes möglich. „In den 70er Jahren zur Zeit des Vietnamkrieges haben viele Eltern aus politischen Motiven Kinder adoptiert", erinnert sich Frau Thies. „Damals gab es richtige Großfamilien, die zu ihren eigenen Kindern noch fremdländische aufgenommen haben", erzählt sie. Sechs oder sieben Monate habe damals das Adoptionsverfahren gedauert. Heute warten Paar länger auf den positiven Bescheid des Jugendamtes Marion Thies hat in den vergangenen Jahren einen Wandel beobachtet in den Gründen warum ein Kind angenommen wird: „Es scheint mehr unfreiwillig Kinderlose zu geben." Soziale und politische Motive spielten aber auch heute immer noch eine Rolle. Für die adoptierten Kinder ist das regelmäßige Treffen in Bad Segeberg genauso bedeutsam wie für die Eltern. Sie können wichtige Entwicklungsschritte miteinander teilen und wachsen ein Stück weit miteinander auf. Meike Otto ist seit 16 Jahren dabei. Die heute 26-Jährige kommt inzwischen allein zur Tagung, während sie früher stets mit ihrer Mutter und ihrer Adoptivschwester aus Indien teilnahm. Sie studiert Sozialpädagogik und interessiert sich vor allem für familiäre Strukturen. „Man lernt hier viel", sagt Melke Otto. „Und wenn wir dann in langen Nächten zusammensitzen und reden oder feiern kann ich richtig auftanken." (Verein für Adoptivfamilien aus aller Welt, Evelin Rancka, 040-5224395) Giesela Krohn