Von Heike Hiltrop
BAD SEGEBERG -Fröhliches Kinderlachen dringt durch die Räume von
C.H.A.I.M. (Internationales Zentrum für Trauer, Kultur und Begegnung),
der ehemaligen Evangelischen Akademie (Evak) an der Marienstraße. Da
tobt die dreijährige Lea, geboren in den USA, mit dem gleichaltrigen
Lui, der aus Thailand stammt, und Yul (4), der in Südkorea zur Welt
gekommen ist, durch die Gänge. Eines verbindet die drei ausgelassenen
Dreikäsehochs: Sie wurden adoptiert - wie die anderen 57 Kinder, die
mit ihren Adoptiveltern gekommen sind, um das Wochenende vor Pfingsten gemeinsam
zu verbringen.
Die Kinder kommen aus der ganzen Welt. Sie wurden in Äthiopien, Bulgarien,
Haiti, Indien, Polen, Russland, Sri Lanka oder Südkorea zur Welt gebracht
und fanden in Deutschland Eltern und Familie. Ein im wahrsten Sinne des Wortes
bunt zusammengewürfelter Haufen. „Hier sind wir alle gleich",
freut sich der 13-jährige Diego, der als wenige Monate altes Baby aus
Brasilien nach Bremen kam. „Ja", stimmt ihm sein Freund Marvin
zu, der als Einjähriger neue Eltern fand, und wuschelt durch seine blond
gefärbte Lockenmähne: „Hier sieht dich keiner schräg
an, weil du eine andere Hautfarbe hast oder andere Haare." Seit sich
die zwei vor einigen Jahren in Bad Segeberg kennen gelernt haben, sind sie
dicke Freunde.
„
Die Gründe, warum sich potenzielle Eltern für ein Kind aus dem
Ausland entscheiden, sind ganz unterschiedlich", sagt Sonya Kraus, die
nicht nur C.H.A.I.M. aus der Taufe gehoben hat, sondern auch im Vorstand
des neu gegründeten Vereins „Adoptiveltern mit Kindern aus aller
Welt" arbeitet (siehe nebenstehenden Text).
Schon seit 25 Jahren treffen sich einmal im Jahr Eltern mit ihren aus dem
Ausland kommenden Adoptivkindern in Bad Segeberg. Bis zum vergangenen Jahr
unter dem Dach der evangelischen Kirche. Hier wird über Probleme gesprochen,
Hilfestellung gegeben, man verbringt gemeinsam ein paar schöne Tage.
Denn es ist nicht immer leicht, wenn das Kind offensichtlich aus dem Ausland
kommt, wie das Beispiel von Diego zeigt: „Ich habe mich oft geprügelt,
wenn mich einer wegen meines Aussehens aufgezogen hat. Und ich war schlecht
in der Schule." Hier bei der Tagung ist der 13-jährige unter Gleichen.
Das zeigt: Die Veranstaltung ist wichtig. „Hier können Eltern
und Kinder ihre Erlebnisse austauschen", so die 33-jährige Sonya
Kraus. „Außerdem wird den Kindern die Kultur ihrer Geburtsländer
näher gebracht." „Sich mit dem anders Aussehen auseinandersetzen,
mit der eigenen Identität. Jeder von uns fragt sich irgendwann im Leben:
Woher komme ich eigentlich?", ergänzt Dr. Andreas Körtgen.
Etwa 360 Euro pro Teilnehmer kostet die Tagung. Noch im letzen Jahr gab
es pro Kopf Zuschüsse. Zu einem Drittel übernahm die Kirche die Kosten,
dazu kam, von der Kirche beantragt, ein Drittel aus dem Topf des Bundesjugendplanes.
Doch nachdem die Nordelbische Kirche die Evak aus Kostengründen abgestoßen
hat, sind ab dem nächsten Jahr auch die Mittel gestrichen. Um sich zu
finanzieren, haben die Teilnehmer der Tagung den neuen Verein (seit vergangenem
Freitag hat er 40 Mitglieder) gegründet. Mit 60 Euro Jahresbeitrag und
jetzt schon einigen Spenden ist der Grundstock gelegt, damit auch in Zukunft
dieses jährliche Treffen stattfinden kann.
Bad Segeberg. In einer Schwangerschaft haben Eltern neun Monate Zeit, sich
auf ihr Kind vorzubereiten Adoptiveltern haben diese Möglichzeit nicht.
Besonders Paare, die sich entschlossen haben, Kinder aus anderen Ländern
zu adoptieren, haben feie Fragen, wie das Zusammenleben mit den neuen Familienmitgliedern
klappt. Deshalb organisierten Familien vor 25 Jahren zum ersten Mal ein Treffen
von Gleichgesinnten unter lern Motto „Tagung von Familien mit. fremdländischen
Kindern" in Bad Segeberg. Seither ist das Himmelfahrtswochenende der
traditionelle Termin für Eltern und Kinder für einen persönlichen
und fachlichen Austausch.
Rund 120 Teilnehmer waren in diesem Jahr dabei. „Es ist ein Gefühl
wie in einer großen Familie", sagt Vorstandsmitglied Peter von
Seherr-Thoss, „Doch durch die professionelle Hilfe geht dieses Treffen
weit über private Gespräche hinaus."
Die Evangelische Akademie in Bad Segeberg war für Adoptiveltern aus
dem gesamten Bundesgebiet zu einem wichtigen Platz geworden, der mit vielen
Familiengeschichten unmittelbar verbunden ist. „Hier sind Kinder getauft
worden, und auch eine Hochzeit wurde gefeiert", berichtet Marion Thies,
die von Anfang an bei den Tagungen dabei ist. Doch durch die Schließung
der Akademie ist das Weiterbestehen des regelmäßigen Treffens
gefährdet. „Die Tagung in 2004 kostet rund 30000 Euro schildert
von Seherr-Thoss. „Davon zahlen die Teilnehmer etwa ein Drittel - ein
Ehepaar mit zwei kleinen Kindern zum Beispiel 435 Euro für die vier
Tage.' Ein weiteres Drittel wurde bisher von der Kirche getragen, und der
Rest finanzierte sich aus Bundesmitteln des Kinder- und Jugendhilfeplans. „Demnächst
fallen diese beiden Fördermittel weg, und deshalb suchen wir dringend
nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten", erläutert Evelin Rancka,
auch seit 25 .Jahren dabei.
Zwar können die Räume der Akademie weiter genutzt werden, denn
die neuen Besitzer, das ,.Internationale Zentrum für Trauer, Kultur
und Begegnung, C.H A.I.M" ist als Tagungszentrum offen für Gäste.
Doch aus eigenen Mitteln allein können die Familien die Tagung nicht
organisieren „Wir haben deshalb den Verein Adoptivfamilien mit Kindern
aus aller Welt e.V. gegründet`', berichtet von Seherr-Thoss. .Ziel des
Vereins ist die finanzielle Absicherung dieses wichtigen Forums für
Adoptiveltern " Evelin Rancka betont die unterstützende Funktion
des regelmäßigen Austausches: „Wenn der Bauch in der Schwangerschaft
wächst, nimmt die Umwelt das wahr - eine Adoption macht man allein,
deshalb sind die Gleichgesinnten so wichtig, mit denen man alles besprechen
kann."
Die besondere Situation der fremdländischen Kinder spielt dabei eine
weitere Rolle. Ihre kulturelle Herkunft und die Wurzeln zu ihrem Geburtsland
sollen nicht verdrängt, sondern in die neue Familie integriert , werden.
Die Jungen und Mädchen kommen selten als kleine Säuglinge in ihre
neue Familie. „Mindestens vier bis fünf Monate ist ein Kind, wenn
es offiziell adoptiert wird", schildert Marion Thies. Die Diplom-Psychologin
erklärt,
dass Auslandsadoptionen heutzutage sehr gut überwacht sind. „Wenn
jemand auf dem Flughafen mit einem nur wenige Tage alten Baby aus der Dritten
Welt ankommt, ist das fast immer illegal", sagt sie. Alle adoptionswilligen
Paare werden von den deutschen Jugendämtern auf ihre Eignung hin überprüft.
Durch die Zusammenarbeit mit den Auslandsvermittlungsstellen wird die Adoption
eines fremdländischen Kindes möglich. „In den 70er Jahren
zur Zeit des Vietnamkrieges haben viele Eltern aus politischen Motiven Kinder
adoptiert", erinnert sich Frau Thies. „Damals gab es richtige
Großfamilien, die zu ihren eigenen Kindern noch fremdländische
aufgenommen haben", erzählt sie. Sechs oder sieben Monate habe
damals das Adoptionsverfahren gedauert. Heute warten Paar länger auf
den positiven Bescheid des Jugendamtes Marion Thies hat in den vergangenen
Jahren einen Wandel beobachtet in den Gründen warum ein Kind angenommen
wird: „Es scheint mehr unfreiwillig Kinderlose zu geben." Soziale
und politische Motive spielten aber auch heute immer noch eine Rolle. Für
die adoptierten Kinder ist das regelmäßige Treffen in Bad Segeberg
genauso bedeutsam wie für die Eltern. Sie können wichtige Entwicklungsschritte
miteinander teilen und wachsen ein Stück weit miteinander auf. Meike
Otto ist seit 16 Jahren dabei. Die heute 26-Jährige kommt inzwischen
allein zur Tagung, während sie früher stets mit ihrer Mutter und
ihrer Adoptivschwester aus Indien teilnahm. Sie studiert Sozialpädagogik
und interessiert sich vor allem für familiäre Strukturen. „Man
lernt hier viel", sagt Melke Otto. „Und wenn wir dann in langen
Nächten zusammensitzen und reden oder feiern kann ich richtig auftanken." (Verein
für Adoptivfamilien aus aller Welt, Evelin Rancka, 040-5224395) Giesela
Krohn